
Dollenchen, hist. Ansichtskarte (1921)
Sage:
Die Dollenchener und ihre Kirche
Die Bauern von Dollenchen meinten, daß dort, wo die Kirche steht, ein
fruchtbares Stück Land sei. Darum nahmen sie sich vor, der Kirche einen
andern Platz in der Nähe zu geben. Große Stricke wurden an der Kirche
befestigt, und nun zogen sie allesamt daran. Einer von ihnen zog sich
die Jacke aus und legte sie dahin, wo die Kirche ihren neuen Standort
bekommen sollte. Nun trug es sich zu, daß ein armer Handwerksbursche die
Dorfstraße entlang ging. Als er die Jacke sah, nahm er sie auf und ging
von dannen. Die Leute aber sagten: "Jetzt müssen wir anhalten, wir sind
schon auf dem neuen Platz angelangt." Die Kirche aber hatte sich noch
nicht gerückt. Der arme Mann aber freute sich über seinen Fund.
Postkarte aus dem Jahr 1905 mit Dollenchener Motiven


Postkarte aus dem Jahr 1905 von Dollenchen – Die Absenderin ist Frau Hedwig Dörner - Die Bäckerei von Karl Gäbler, später die Bäckerei von Martin Soldner und die Kirche (Postkarte aus Besitz A. Beese)
Der Name Dörner existiert heute nicht mehr in Dollenchen. Er könnte zugeodnet werden zum Grundstück, wo zu meiner Zeit die Familie Palahowski gewohnt hat oder immer noch wohnt. Mein Vater und auch andere damals ältere Leute nannten diesen Namen Dörner im Zusammenhang mit dem Grundstück mit Teich und Wassermühle zwischen Sallgast und Dollenchen, welches über die Danzigmühlenstraße zu erreichen ist.. Gleich nebenan befand sich das Haus mit Grundstück der Familie von Max Auraß, welches heute nicht mehr existiert.
Foto links oben: Die Bäckerei von Karl Gäbler und später die Bäckerei von Martin Soldner. Unvergesslich der herrliche Duft, der mich beim Betreten des Ladens empfing. Eine warme, frische und sehr knusprige Semmel, gleich gegessen auf dem Heimweg, war der pure Genuss für mich. Diese Backwaren hatten die bisher beste Qualität, die ich je kennengelernt habe. An Sonnabenden nachmittags trugen die Frauen des Dorfes ihre eigenen und durch sie belegten Kuchenbleche zur Bäckerei, um den Kuchen backen zu lassen. Das war der beste Kuchen der Welt für mich. Mitte der 60-er Jahre wurde die Bäckerei für immer geschlossen, weil die Familie Soldner in Klettwitz eine Bäckerei übernahm. Dort verbesserten sich die Arbeits- und auch die Wohnbedingungen der sechsköpfigen Familie sehr zum Positiven, welche in Dollenchen nicht gegeben waren. Die Bäckerei in Klettwitz ist bereits seit vielen Jahren ebenfalls geschlossen, das Bäcker-Ehepaar verstarb. Bis heute stehe ich mit Klaus Soldner, ihrem ältesten Sohn, in Verbindung. Er lebt in der Nähe von Kassel und betreibt mit seiner Ehefrau einen Friseursalon.

Das Foto oben ist aus gleicher Perspektive, ebenfalls wie
auf der Postkarte rechts unten zu sehen ist, aufgenommen worden. / Foto: Google Earth
Die Kirche (rechts im Hintergrund) ist in der heutiger Zeit von hohen
stattlichen Eichenbäumen umgeben, wogegen die selben Bäume im Jahr 1905
(Postkarte oben), zur Zeit der Herausgabe der Postkarte, im Gegensatz
zu heute, noch nicht so hoch und dicht gewachsen erscheinen.

Selbige Ansicht/Perspektive der ehemaligen Bäckerei heutzutage, wie sie auf der alten Postkarte zu sehen ist. / Foto: Quelle: Google Earth

Dollenchener Stollenreiter in früheren Jahren vor dem Gasthaus von Selma und Hermann Stuckatz. / Foto: Herzlichen Dank an Familie Stuckatz
Meine Kindheitserinnerungen führen mich zu den frühereren Himmelfahrtstagen zurück, an denen in Dollenchen noch alljährlich fröhliches Markttreiben herrschte. Am Vortag stellten die Gemeindearbeiter, Herr Max Alex und Herr Ernst Klauck, die gemeindeeigenen Verkaufsstände für den Jahrmarkt auf dem Dorfplatz sorgfältig ausgerichtet in Reihe auf. Am Festtag dann wurde alles verkauft, was die Dorffamilien im Alltag brauchten, aber auch Textilien, Holzpantoffeln, Tontöpfe oder Spielzeug, Wundertüten, Lose und bunte Luftballons tanzten im Wind. Dazu erklang die Musik des Schaustellers über den gesamten Markt, der jedes Jahr zum Himmelfahrtstag und zum Stollenreitentag mit seiner Luftschaukel, dem Kettenkarussell und der Schießbude anreiste. Eine Fahrt oder ein Schuss kostete 20 Pfennige. Wir Kinder kauften uns, wenn das Geld reichte, eine leckere rote Fassbrause draußen am Stand des Gasthauses Stuckatz und auch eine heiße und leckere Bockwurst mit Senf und Brötchen für 85 Pfennig aus dem kleinen verchromten und dampfenden Brühkessel der Fleischerei Domka. Dann war unser Glück vollkommen. Ein herrlicher Trubel und ein Gewusel herrschte zwischen den Ständen und den vielen Besuchern aus Nah und Fern, die alle diese besondere Himmelfahrtatmosphäre genossen. Auch im Sommer zur Zeit des Stollenreitens entfaltete sich das Marktgeschehen in bekannter Form von Neuem und Dollenchen erlebte erneut seinen zweiten bedeutenden Höhepunkt im Jahreslauf des dörflichen Lebens. Jahr für Jahr sehnten wir Kinder diesen Feierlichkeiten entgegen und harrten ungeduldig der Tage, an denen wir das fröhliche und gemeinschaftliche Treiben endlich wieder erleben konnten.
In meiner Kindheit musste ich leider einen tragischen Unfall beim Stollenreiten auf dem Rennacker miterleben, der damals links vom Laugkweg nahe dem Dorf lag: Ein junges Mädchen namens Dorothea (Dorchen) aus Dollenchen, Jahrgang 1944 wie meine Schwester Eveline und eine Freundin von ihr, suchte mit anderen Zuschauern auf dem Stoppelacker bei einsetzendem Regen Schutz unter dem Pferdewagen der Blaskapelle. Als das Rennen startete und die Kapelle intonierte, scheuten die Pferde, zogen den Wagen an und überrollten Dorchen, die vor einem der Räder saß, tödlich. Ich stand währenddessen mit meinem Vater neben dem Wagen, seine Jacke über unseren Köpfen zum Schutz vor dem Regen. Dieses unvergessliche und schreckliche Ereignis sitzt immer noch tief in meiner Seele und hat mich bis heute über die vielen Jahre hinweg bis in mein hohes Alter begleitet. Wenn ich auch heute noch am Haus der Familie vorbei fahre, dann kommt die Erinnerung zurück und meine Gedanken sind bei bei Dorchen.

Die Dorfstraße zu früheren Zeiten in Dollenchen im unteren Teil des Dorfes. / Foto: Kopie Postkarte
Im Vordergrund rechts ist die Lebensmittelverkaufsstelle von Hermann Jentzsch zu sehen, wo damals das Sauerkraut und die eingelegten Gurken aus Holzfässern heraus in Papiertüten abgefüllt und neben anderen Lebensmitteln verkauft wurden. Wir Kinder bestaunten die vielen bunten Bonbons in den großen Glasbehältern, die aufgereiht im Regal standen und von denen wir uns manchmal vor dem Kauf einige aussuchen durften.
Für mich immer noch erstaunlich ist, wie aus diesem engen Raum heraus damals das ganze Dorf mit dem Notwendigsten versorgt werden konnte, womit ganz offensichtlich damals alle Einwohner zufrieden waren. Für die Beschaffung der weiteren benötigten Dinge war eine Fahrt nach Annahütte zum Kaufhaus Bräsemann oder nach Finsterwalde zum Einkaufen unumgänglich.

Foto oben: Der gleiche Bildausschnitt, jedoch so, wie wir die Ansicht von heute kennen. / Foto Quelle: Google Earth

Teil der Schulstraße in Dollenchen – rechts im Bild die Schule. / Foto: Postkarte

Der selbige Teil der Dollenchener Schulstraße in der heutigen Ansicht. In dem Zeitraum, welcher zwischen den Aufnahmen liegt, hat der Baum vor der Schule eine stattliche Größe erreicht. Was er wohl bereits alles miterleben konnte, kann man nur vermuten. / Foto Google Earth
In unserer damaligen Grundschule in Dollenchen lehrte ein Lehrer allein alle zu lehrenden Unterrichtsfächer der Klassenstufen 1 bis 4. Die Schüler aller 4 Klassen befanden sich gemeinsam in einem Klassenraum.
Unser Lehrer ab dem Jahr meiner Einschulung im Jahr 1955 für alle 4 Jahre in der Grundschule in Dollenchen war Karl Krafczyk, der wunderbar den Musikunterricht mit seiner Geige begleitete. Er wohnte mit seiner Familie in der Wohnung, die sich im oberen Stockwerk der Schule befand.

Ein Foto von mir aus meiner frühen Kinderzeit sitzend auf einem Sitzmöbel bei unserer lieben Nachbarin Tante Skrock in der Schulstraße 8, die mich immer wieder mal mit wohlschmeckendem Pudding zu sich lockte - und ich kam gern. Man beachte meine schmutzigen Füße - eben ein Dorfjunge. / Foto: Eigentum von A. Mußlick

Mein großer Freund und Beschützer Werner Kutscher, der Sohn unserer gegenüber wohnenden Nachbarin mit mir gemeinsam vor deren Hoftor. (Das Foto entstand im Jahr 1951) Sein Vater kehrte aus dem Krieg nicht wieder heim. Werner hatte eine große Sammlung von selbst gegossenen Zinnsoldaten in historischen Uniformen, mit denen es sich besonders gut gemeinsam spielen ließ. Diese wurde immer mal wieder erweitert, wenn er neue Formen durch Tausch bekam. Ich half ihm gern beim Gießen des flüssigen und heißen Zinns in die Formen. So erzählten es mir meine älteren Schwestern immer wieder mal, denn ich selbst kann mich daran nicht mehr erinnern. Man beachte meine Mütze auf meinem Kopf - es musste die gleiche sein, wie sie mein Vater damals auch trug. Ich bekam sie./ Foto Eigentum Mußlick

Der kleine Jockey Achim auf eines der Pferde von Arthur Kirschke (damals wohnend in der Hauptstraße 25), welche sich mein Vater selten mal ausborgte, wenn eine unserer beiden Kühe krank war und sie dadurch nicht den Pflug ziehen konnten. Die Kosten dafür beglich mein Vater durch Handarbeit auf dem Hof oder Feld von Kirschkes. Meine Eltern waren der Familie Kirschke sehr dankbar für ihre dadurch erwiesene Hilfe.
Arthur Kirschke war damals der Wehrleiter der Feuerwehr in Dollenchen und der Schwiegervater von Kurt Landte. Kurt übernahm später die Funktion des Wehrleiters von seinem Schwiegervater und übte diese viele Jahre neben seiner beruflichen Tätigkeit im Synthesewerk Schwarzheide und ebenfalls neben der Arbeit als Landwirt im Nebenerwerb aus. Mein Vater war damals in der Feuerwehr einer der Maschinisten an der Tragkraftspritze TS 8. Alma und Arthur Kirschke und ihre Kinder waren Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Sie fanden in Dollenchen eine neue Heimat und durften die Landwirtschaft des ehemaligen Ortsgruppenführers der NSDAP übernehmen und bewirtschaften, der nach Kriegsende von der sowjetischen Militäradministration verhaftet und danach ins Internierungslager nach Mühlberg verbracht wurde. Von dort kehrte er nicht wieder heim zu Familie, Haus und Hof. Es fand die Enteignung des Hofes statt. So erzählten es mir meine Eltern. Die Familie Landte (Oma Martha, Opa Paul, Sohn Rudolf, das Ehepaar Liselotte und Kurt und deren Töchter Bärbel und Karin) waren unsere lieben Nachbarn von nebenan. Mit ihnen erlebten wir immer ein freundliches, friedliches und einvernehmliches Miteinader.

Der fragende Blick in die Kamera, ob denn wirklich ein Vögelchen heraus käme. Das Foto entstand an dem damals existierenden Zaun von Landtes an der Schulstraße. (Foto von links beginnend)= Achim - Bärbel Landte, unsere Nachbarstochter - meine 4 Jahre ältere Schwester Eveline, die leider mit 47 Jahren viel zu jung verstorben ist. / Foto: Eigentum A. Mußlick
Neben unserem Klassenraum in der Grundschule in Dollenchen war auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs in einem gleich großen Raum der Kindergarten untergebracht. Vor meiner Einschulung besuchte ich täglich diesen Kindergarten, in dem die Kindergärtnerinnen Frau Skorsetz und Frau Krafczyk liebevoll und fürsorglich unsere Betreuung übernahmen. Ich war sehr traurig, als Frau Skorsetz mit ihrem mir gleichaltrigen Sohn Peter nach Bremen verzog. Peter war mein guter Spielfreund und Tischnachbar mit dem ich mich sehr gut vertrug. Sie wohnten in dem Eckhaus in der Schulstraße Nr.1. Die Nachfolgerin wurde Frau Kockel. Sie war die Ehefrau von Karl-Heinz Kockel, der Sohn von Hermann Kockel, dem Dollenchener Böttchermeister, welcher seine Werkstatt in der Wormlager Straße hatte und ebenfalls die Eierabgabestelle inne hatte, wo die Bauern die Hühnereier ablieferten zum Verkauf. Auch sie alle habe ich in guter und positiver Erinnerung.

Meine Einschulung 1955 in die Grundschule Dollenchen. (von links - Unser Lehrer Herr Karl Krafzcyk, Kurt Klaunigk, Elfriede Bär, Achim Mußlick, Sabine Wunderlich) / Foto: Eigentum A. Mußlick.
In meinem Jahrgang waren wir 4 Schüler: Sabine Wunderlich, Kurt Klaunigk, Achim Mußlick und Elfriede Baer, die damals, bevor sie dann noch während ihrer Grundschulzeit mit ihrer Familie nach Lauchammer verzog, in dem kleinen Häuschen in der Sallgaster Straße, gegenüber von Ulf Klaunigk, mit ihren Eltern und zwei Brüdern sehr beengt und somit zu fünft in 2 kleinen Räumen und Küche wohnte . Das Plumpsklo befand sich auf dem dortigen Hof und das Trinkwasser war von der Handpumpe des Brunnens in Wassereimern zu holen, der sich ebenfalls auf dem Hof befand. Diese schlechten Wohnbedingungen fand man zu dieser Zeit sehr oft, so z.B. auch in Dollenchen in der Schulstraße 9, wo Familie Hoffmann, die Flüchtlinge aus Schlesien waren, sehr beengt wohnten. Andernorts standen weitere solcher kleinen Häuser, die jedoch immer mehr durch deren Abriß verschwanden, so auch das kleine Haus Nr. 9 in der Schulstraße, was damals "Das Spittel" genannt wurde.
// Abschweifende Bemerkung: - Damals hier, wie im gesamten Dorf auch - Trinkwasser aus Brunnen mit Handpumpe und Trockentoilettenhäuschen auf dem Hof waren meist die Regel. Einige wenige Häuser im Dorf besaßen jedoch bereits damals eine eigene Hauswasserversorgung. Die neuen Wasserleitungen für die zentrale Trinkwasserversorgung wurden anfang der 70-er Jahre in Dollenchen verlegt, so dass jedes Haus seinen eigenen Trinkwasserhausanschluss bekam. Das war eine sehr große Erleichterung für die Menschen und eine besondere Verbesserung ihrer Lebensqualität ist dadurch erreicht worden. Die Zeit, im Winter seine Notdurft auf dem Plumpsklo bei Minusgraden verrichten zu müssen, war endlich vorbei und man musste sich nun nicht mehr so sehr beeilen, um dort nicht dem Erfrierungstod zu erliegen. //
Unseren Durst stillten wir Schüler mit dem Wassers aus der Schwengelpumpe auf dem Schulhof aus unseren Händen, die zu einer Trinkschale geformten wurden, nachdem wir meist sehr durstig nach den immer wieder bei allen Schülern sehr beliebten Völkerballspielen in den Pausen waren. Nach dem Motto: Einer pumpt und der Andere trinkt - und das Wasser schmeckte köstlich. Unvergesslich bleiben die abwechslungs- und erlebnisreichen Sommerferienspiele, die ich dort erleben durfte - mit Malzkaffee und Milch zu leckeren Marmeladenbrötchen für uns alle, die von unseres Lehrers Ehefrau Hedwig gereicht worden waren. Sie war die gute Seele für uns. Unseren Schulgartenunterricht bekamen wir auch von Frau Krafczyk ebenso wie die Unterrichtsstunden in Nadelarbeit, die mir weniger gut gefielen, denn das Stricken, Sticken, Häkeln und das Nähen mit Nadel und Faden konnten mich wenig begeistern.
Unser Lehrer organisierte erlebnisreiche Kinderfeste auf dem Dorfplatz: Sportfeste, Staffelläufe, Bändertänze und andere Spiele gehörten dazu. In der Vorweihnachtszeit studierte er mit uns z.B. das Theaterstück „Die Schneekönigin“ ein, welches wir auf der Bühne im Saal bei Stuckatz zur Aufführung brachten. Dort erlebten wir auch Kinderfaschingsveranstaltungen.
Busfahrten zum LeipzigerZoo, zum Wörlitzer Park, in den Spreewald, nach Oybin u.a. Fahrten organisierte Herr Krafczyk für die erwachsenen Interessenten des Dorfes und deren Kinder und schaffte so auch an einigen Wochenenden eine Abwechslung von der arbeitsreichen Woche in der Landwirtschaft der fleißigen damaligen Einzelbauern.
Herr Krafczyk war wohl, laut den Erzählungen der damals Erwachsenen im Dorf, angeblich im 2. Weltkrieg an Bord eines Kampfflugzeuges der deutschen Luftwaffe als Bestandteil dessen Personals geflogen. Er selbst hatte nie darüber öffentlich gesprochen, wie übrigens alle unsere Väter sehr wenig redeten über die Zeit, die sie im schrecklichen Krieg als Soldaten verbringen mussten. Nach dem Abschuß und Absturz seines Flugzeuges und seiner dadurch erlittenen Verletzungen hat er während seiner Genesung im Lazarett seine spätere Ehefrau Hedwig, die dort ihn selbst und andere Verwundete als Krankenschwester versorgte, kennen und lieben gelernt, und sie blieben für den Rest ihres Lebens beisammen. Sie stammte aus Bergheide (niedersorb. Gohra), das Dorf, welches ebenfalls dem Bergbau 1987/88 weichen musste, überbaggert wurde und es dafür jetzt an selbiger Stelle den Bergheider See gibt. Die Tochter heißt Sibylle (geb. 1945) und der Sohn Bruno (geb.1951). Soweit ich mich erinnere wohnt Sibylle in Leipzig und Bruno in einem Ort im Spreewald.
Als Neulehrer begann Herr Karl Krafczyk und löste damals mit die noch vorhandenen und durch den Nationalsozialismus belasteten Lehrer ab und übernahm daraufhin in Dollenchen die Lehrerstelle. Er war gebürtiger Rheinländer aus Köln. Sein Kölner Dialekt klang für uns wie Musik in unseren Ohren. Das rheinische Gemüt und seine damit verbundene Frohnatur unterschied sich sehr von dem der Niederlausitz und von dem in Dollenchen allemal. Trotzdem blieb er bei uns und fand hier seine neue Heimat, die hohe Anerkennung als Lehrer und große Achtung bei den Menschen und besonders bei seinen Schülern. Er ist einer von den Lehrern, an die ich mich gern erinnere.
Zuletzt sah ich ihn und seine Frau Hedwig zufällig mitte der 70-er Jahre in Graal-Müritz an der Ostsee zufällig während meines Urlaubes, den ich mit meiner Familie im damaligen Ferienheim des Synthesewerkes Schwarzheide verbrachte. Er rief meinen Namen aus der an den Tischen sitzenden Menge eines großen Freiluftcafe's heraus, das sich direkt an der Passage zum Strand befand. Ich erblickte den Rufer nicht sofort, jedoch die Stimme kam mir bekannt vor. Er stand auf und lief auf mich zu. Ich erkannte ihn sofort. Wir begrüßten und umarmten uns und er lud uns ein, an seinem Tisch Platz zu nehmen. Wir begrüßten seine dort sitzende Ehefrau Hedwig, die sich ebenso sehr freute. Meine Frau und besonders meine damals noch kleinen Töchter freuten sich sehr, dass sie meinen ehemaligen Lehrer kennen lernen konnten. Das Ehepaar Krafczyk wohnte zu dieser Zeit in Leipzig, wo auch die Tochter Sibylle zuhause ist. Die folgende Zeit, in der wir zusammen saßen, verging wie im Fluge. Wir verbrachten sie mit Eis, Kaffee und mit dem Austausch unserer Erinnerungen, welche auch die nachfolgende Geschichte aus meiner Schulzeit in Dollenchen beinhaltete, die uns Herr Krafczyk am Cafe-Tisch in Graal-Müritz erzählte, die den Einfallsreichtum unseres Lehrers zeigte. Auch heute noch, nach so vielen Jahren, bitten mich meine Töchter, die nun bereits selbst Eltern und Großeltern sind, darum, diese kleine Geschichte immer mal wieder im Kreis der Familie zu erzählen, was ich gern mache.
Es handelt sich um diese Geschichte:
Während einer Unterrichtspause entwendete ein Schüler aus dem Turnbeutel eines anderen Schülers einen Turnschuh und warf ihn in das tiefe Plumpsklo, welches sich damals im Gebäude neben dem Schulgarten befand. Dieser Schüler wurde bei dessen frevelhafter Tat beobachtet und schob jedoch die Schuld auf mich. In der darauffolgenden Unterrichtspause kam Frau Krafczyk zu uns und bestellte den Täter und mich in das leere Klassenzimmer. Wir stritten dort allein und ohne Zeugen über den Tathergang und der Täter offenbarte seine Tat mir gegenüber. Plötzlich stieß Herr Krafczyk knallartig laut die Schranktür von innen heraus auf und stieg - zu unserem beider Schrecken und Erstaunen - aus dem bis dahin geschlossenen Schrank des Klassenzimmers heraus, von wo aus er unser Gespräch bisher verborgen verfolgt hatte und somit nun wusste, wer der wahre Täter war. Die Abreibung des Lehrers gegenüber dem Täter erfolgte auf dem Fuße, sofort und auf der Stelle. Verständlicherweise war ich froh, dass ich aus der Nummer nun heraus war.
Erwähnenswert ist auch, dass es zu meiner Grundschulzeit damals in Dollenchen nur drei PKWs gab, insoweit ich mich richtig erinnere: Bei Familie Brähmig, Familie Püschel (Taxibetrieb) und bei Familie Kölpin. Frau Alma Kölpin war die Gemeindeschwester im Ort – heimlich genannt die „Pflaster-Alma“, die überall sehr beliebt war und geachtet wurde. Sie fuhr täglich, gekleidet in ihrer blau-weißen Krankenschwesterntracht, der damals dazugehörenden weißen Armbinde am Oberarm mit dem großen roten Kreuz darauf und mit dem dazugehörenden weißen Schwesternhäubchen auf dem Kopf tragend, mit ihrem Moped Simson SR2 durch das Dorf zu den Patienten. Das war immer ein sehr imposantes und spektakuläres Bild, was sich somit für uns bot. In dem DDR-Fernsehfilm "Schwester Agnes" konnte man sehen, wie das in etwa aussah, nur war Pflaster-Alma hinsichtlich ihrer Körpermaße in Breite und Höhe in etwa das Doppelte, als es im Film die Schauspielerin Agnes Kraus als Moped-Schwester vermag darzubieten. Ihr Sohn Lothar Kölpin hatte von den „bösen“ Dollenchener Jungs den Spitznamen „Doktor Schleicher“ abbekommen. Er war in seiner Erscheinung ein sehr dünner und sehr großer Mensch, dessen Körperbewegungen denen einer Schnecke glichen - und "Doktor" wohl deshalb, weil seine Mutter Medizinerin war. Ich möchte hervorheben, dass Schwester Alma den kranken Menschen in Dollenchen immer sehr geholfen hat und ihr großer Dank und Anerkennung gebührt, denn sie kam immer dann, wenn sie gebraucht wurde, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit.
Die genannten Familiennamen der damaligen Autobesitzer in Dollenchen sind in der heutiger Zeit nicht mehr präsent. Alle diese PKWs waren noch aus der Vorkriegsproduktion und verströmten einen würzigen Benzingeruch, der damals für mich sehr selten war und den ich sehr mochte.
Unsere damalige Gruppe der Unentwegten mit Karl-Heinz Leonhard (Spitzname Kolle), Detlef Domka (Detti), Wolfgang Hoffmann (Hoffi), Klaus Soldner (Bäcker), Roland Weiershäuser (Datsch) und dem damals altersmäßig jüngsten im Bunde, Achim Mußlick (Spitzname ist mir entfallen ;-) stromerte sonntags durch die Wälder und Felder rund um Dollenchen und bauten in den "Sandkeiten" und in Peschans Wäldchen Bunker, kletterten auf hohe Bäume, wo immer auch einer stand, auch auf die Hochspannungsmasten im Laugk, um Habichts- und Krähennester in schwindelerregender Höhe zu besuchen. In den immer mit Wasser gefüllten Torflöchern im Laugk fingen wir Fische, Kaulquappen und Blutegel, aber auch Wasserflöhe für die Fische daheim und wärmten uns dort an kleinen Lagerfeuern, probierten manchmal heimlich Zigaretten der Sorten Turf oder Casino, husteten dabei heftig und aßen danach Weißrüben oder auch junge Rapspflanzen vor Hunger, von denen wir grüne Zähne bekamen, aber auch deshalb, damit wir nicht aus dem Mund nach Tabak rochen, wenn wir heim kamen. Auch wussten wir immer, wo zur gerade herrschenden Jahreszeit welche Obstbäume reife Früchte trugen, wo Gemüse, Feldfrüchte oder Pilze zu finden sind, um unseren Appetit zu stillen. Untereinander erzählten wir uns schaurige Geschichten, die die weitaus Älteren bereits erzählt hatten, die das Kriegsende bewusst miterlebt hatten – z.B. diese:
Im Laugk in Richters Wäldchen wäre ein russischer Panzer im Sumpf versunken, von dem noch ein Hammer aus dessen Werkzeugkasten stammte, den Horst Hackert im Besitz hattet. An die Möglichkeit, dass dort ein Panzer versinken könnte glaubten wir, denn es war doch zur damaliger Zeit der Untergrund dort sehr morastig und weich und ein schwerer Panzer hätte dort sicherlich versinken können. Und tatsächlich hatte Horst einen Hammer zuhause mit einem schwarzen und auch ölverschmierten Griff, den er uns zeigte. Den Panzer jedoch sah wohl bisher niemand. Auch vergrabene Schätze gebe es im Laugk. Diese wurden ebenfalls nie gesichtet.
Spektakulär und geheimnisvoll zugleich war es für uns im vom Dorf relativ weit entfernten Laugkgebiet allemal mit seiner Ruhe, seinen ungelüfteten Geheimnissen, der relativen Unberührtheit seiner Natur, der dort zu beobachtenden Tierwelt mit ihren vernehmbaren, meist nicht zu deutenden Lauten und dem besonderen Geruch nach Morast, Torf, Wiesen und Wald - zumal in früheren Jahren dort tatsächlich Torf abgebaut, getrocknet und zu Heizzwecken ins Dorf gebracht wurde. Das bewiesen die zahlreichen vorhandenen und interessanten und mit Schilf teilweise zugewachsenen Torflöcher, die es auf den Wiesen der Bauern zu erkunden gab für uns und die oft das Ziel unser Wanderungen waren.
Irgendwann fand man noch immer mal in der dorfnahen Mülldeponie, genannt "Die Sandkeiten" am Ende der Danzigmühlenstraße u. a. einen verrosteten und verbeulten alten deutschen Stahlhelm, einen stumpfen alten Dolch oder ein Seitengewehr oder andere Gegenstände, weshalb wir dort desöftern mal unbedingt in Abständen persönlich vorbeischauen mussten, auch um diese Dinge, die wir für uns als wertvoll erachteten, zu finden und mit nachhause zu nehmen. Meist brachten unsere Eltern diese Dinge dann Tage oder Wochen später wieder zurück dorthin, wo wir sie hergeholt hatten.
Ich kenne den Laugk noch aus einer Zeit, als er noch nicht melioriert war, sondern fast alljährlich im Frühling lange mit Tauwasser überschwemmt war, das nicht versickern konnte wegen des dort vorhandenen Torfbodens und wegen damals noch nicht durchgeführter Entwässerungsdrainage. Diese Entwässerungsanlagen wurden erst nach der Kollektivierung der Landwirtschaft begonnen. Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) begann den Laugk intensiver zunutzen. Dort wurden Kuhherden in Koppeln gehalten.
Unsere Familie besaß im Laugk von Dollenchen etwa 2 km entfernt eine Wiese, auf der jährlich im Juni das Heu und im Sommer im Monat August das Grummet, was beides getrocknetes Gras ist (falls landwirtschaftliche Laien den Text lesen sollten), für unsere Tiere als Futter für den Winter geerntet wurde. Ansonsten tat sich zur Zeit der Einzelbauern im Laugk wenig in landwirtschaftlicher Hinsicht, weil die Bodenqualität es nicht hergab. Die Bewirtschaftung der Wiesenflächen bedeutete viel Arbeit für mich und die Familie, zumal mein Vater Schichtarbeiter im 3-Schichtdienst im Bergbau war und dadurch für so manche Arbeitsausführung nicht zur Verfügung stehen konnte und auf uns, die restlichen Familienmitglieder, deshalb mehr Arbeiten erledigt werden mussten und diese Arbeiten besonders in der Heuernte sehr wetterabhängig waren. Das Gras der gesamten Wiese, welches der Vater immer noch mit der Sense mähte, musste schnell trocknen. Nachdem es gemäht war und auf Schwad lag, musste es mit der Holzharke bearbeitet und gelockert werden, damit die Luft hindurch strömen konnte, um das
Gras zu trocknen. Mehrmals nacheinander, je nach Wetterlage, ging man zu diesem Zweck zu werke. Wenn jedoch Regenwetter anstand, musste das Heu schnell auf viele Haufen zusammen geharkt werden, die man Schebber nannte. Ich weiß nicht, ob das Wort Schebber, so richtig geschrieben wird, weil ich es nur immer hörte, aber nie geschrieben sah. Je nach Wetterlage war das Heu dann mal früher oder später in den Jahren endlich trocken und musste dann auch schnell und auch sehr trocken bleibend auf dem Heuboden gelagert werden. Das Aufladen zu riesigen Heufuhren übernahm mein Vater mit der Heugabel und meine Mutter war mmer die Packerin auf dem Heuwagen. Ich fand das immer sehr mutig von ihr, weil die kleine und schmächtige Frau hinter und unter den großen Heugabelfüllungen meist vollkommen verschwand und ich immer Angst um sie hatte, weil sie ja hätte vom hohen Wagen fallen können. Auch hätte sie sich an den scharfen Zinken der Heugabel verletzen können. Wenn meine Mutter das vom Vater hochgereichte Heu ihm nicht schnell genug abnahm, denn bekam sie diese Landung auf ihren Kopf und sie verschwand mit einer ihrer lauten Schimpfkanonaden hörbar vollkommen unter dem Heu. Das fand ich manchmal gar nicht lustig - meine Mutter übrigens auch nicht, aber mein Vater schon. Den Wagen mit der riesigen und hohen Heuladung, die mit einem oben aufgelegten langen Baumstamm mittels langen Seilen festgezurrt und somit gesichert war, damit die Ladung nicht verrutschen konnte bzw. man unterwegs zum Hof das Heu nicht auf der Straße verlor, zogen unsere zwei braven Kühe nachhause den langen Weg nach Dollenchen, nachdem sie sich an dem Heu auf der Wiese satt fressen konnten und zufrieden ausschauten. Endlich zuhause angekommen stand sofort das Entladen der Heufuhre auf dem Plan. Der Vater auf dem Heuwagen obenauf gab mit der Heugabel das Heu durch die Öffnung des Heubodens zu meiner Mutter, die innen an der Heubodenöffnung stand und das Heu nach und nach weitergab zu mir. Ich nahm das Heu dann von meiner Mutter entgegen und brachte es platzsparend auf dem Heuboden unter. Die Dachziegel des Heubodens waren sehr warm, manchmal auch heiß und die heiße Luft war voller Staub vom Heu und der Schweiß lief an mir in Strömen herab und es ließ sich schwer atmen, wenn ich Hafel für Hafel das Heu unter die Lücken unter den Dachziegeln mit großer Kraftanstrengung stopfte und dann darauf herumtrampelte, um Platz zu schaffen für weitere Ladungen. War dann endlich der Wagen leer kam der Vater auf den Heuboden, um zu kontrollieren, wie das Heu dort verteilt war und lagerte, denn es mussten noch weitere Fuhren Heu dort Platz finden. Dieses Spektakel wiederholte sich so lange, bis das Heu eingebracht war – jedes Mal im Juni und im August. Und jedes Mal hustete und spuckte ich dann zum Ende dieser Heuaktionen, wenn ich vom Heuboden kam, lange viel Staub aus der Lunge, war stark überhitzt und verschwitzt und total verdreckt. Mit viel Wasser und Seife schrubbte meine liebe Mutter mir dann meinen Körper sauber.
Eigentlich war es für mich eine mehr oder weniger schöne Arbeit im Heu – nur der Gedanke daran, dass die Freunde im Dorf, die keine Landwirtschaft besaßen, während meiner Zeit im Heu sich am Badesee vergnügten, während ich in der heißen Sonne arbeitete, schwitzte und es sich Blasen und Riefen in der Haut meiner Hände vom Harkenstiel bildeten und ich auch auf dem Heuboden litt, ließ dann meine Begeisterung schrumpfen.
Wir waren Kleinbauern mit nur zwei Kühen, welche alle Zugarbeiten vor Pflug, Egge, Kartoffelroder, Wagen usw. brav erledigten und zum Dank auch dafür ihre Milch abgeben mussten, um für den Staat die Sollabgaben pflichtgemäß zu erfüllen, damit es in der Stadt Milch für die Kinder gab.
Mein Vater arbeitete immer schon, Zeit seines Berufslebens, im Bergbau. Er war Kipper, dann Oberkipper (zuständig für das Entleeren der vollen Abraumwaggons an der Kippe) auch war er Baggerführer und arbeitete später als Meister im Braunkohlenkombinat im Tagebau Klettwitz dort im Vorschnitt in Kostebrau. Vorschnitt bedeutet, dass in diesem Teil des Tagebaus der Abraum, der über der Braunkohle lagerte "abgeräumt" wird. Hier war er der Schichtmeister und zuständig für das Rücken der Gleise mittels der Dieselrückmaschinen, damit der Tagebau voranschreiten konnte und somit die Braunkohleförderung nicht unterbrochen wurde. Bei jedem Wetter war er draußen und unterwegs im Tagebau. Er hatte wenig oder manchmal auch keine Zeit für die gerade auf dem Hof anfallenden Arbeiten. Wegen seines 3-Schichtbetriebes war es manchmal unmöglich auf ihn zu hoffen bei der Arbeit auf dem Hof. Trotzdem gab er sein Bestes und verlangte immer zu viel von seinem Körper ab. Wenn er gegen 7 Uhr am Morgen von der Nachtschicht kam hätte er sich eigentlich ausschlafen müssen. Statt dessen arbeitete er auf dem Hof und auf den Feldern bis nach dem Mittag, um sich dann nach dem späten Mittagessen ab 14 Uhr in sein Bett zu legen, damit er wieder um 20.15 Uhr mit seinem Fahrrad den Arbeiterbus in Sallgast erreichen konnte, der ihn nach Kostebrau zu seiner Arbeitsstelle mitnahm, weil um 22 Uhr seine Schicht im Tagebau begann bis um 6 Uhr morgens. Meist war er unausgeschlafen, mürrisch und nicht ansprechbar, ja, auch sehr oft schlecht gelaunt.
Wenn ich jetzt Fotos von damals von ihm anschaue und sein Aussehen mit dem der Menschen von heute vergleiche, dann sehe ich einen Mann, der mit damals 60 Jahren, anders als die gleichaltrigen Männer in der heutigen Zeit, total verbraucht und verschlissen aussah und es tut mir in der Seele weh, wenn ich das jetzt nach vielen Jahren so erkennen muss. Er hatte kaum freie und für sich selbst nutzbare Zeit. Seine ihm von der Arbeit im Bergbau zustehende Urlaubszeit hat er stets in die Arbeit in seine Bauernwirtschaft investiert. Einen Urlaub in einem Betriebsferienheim zu verbringen, wie es seine Arbeitskollegen mit ihren Ehefrauen taten, waren für ihn und meine Mutter immer fremd. Stattdessen arbeiteten meine Eltern tagein und tagaus das ganze Jahr über. So erging es allen damaligen Einzelbauern. Wir Kinder hatten in puncto Zuwendung nichts von unserem Vater. Er beschäftigte sich nicht mit uns aus Zeitmangel und es gab kein gemeinsames Spielen mit ihm. Damals verstanden wir das, weil es uns unsere Mutter gut erklären konnte. Unsere kleine Landwirtschaft allein hätte die sechsköpfige Familie damals nicht ernähren können, somit musste unser Vater Geld verdienen. Andererseits mussten aus unserem kleinen Betrieb landwirtschaftliche Erzeugnisse kommen, die an den Staat abgeliefert werden mussten. Erst wenn dieses Soll erreicht war konnten Produkte frei verkauft werden, als „Freie Spitzen“, so wurde das genannt. Das war die Mehrproduktion, die über die Sollabgaben hinaus erreicht wurden und mehr Erlös einbrachten, weil sie besser bezahlt wurden.
Weil wir Kinder immer tatkräftig helfen mussten, wäre es um so gerechter, dass diese Zeit der Kinderarbeit, die uns sozusagen vom Kindsein gestohlen wurde, zur Rente im Alter zugerechnet werden müsste, denn wir trugen bereits als Kinder zum Wohlstand und zum guten Auskommen der Gesellschaft bei.
Kinderarbeit war verboten? Das mag sein, auf dem Land jedenfalls nicht. Alle Bauernkinder mussten ihren Eltern sehr zur Hand gehen bei der Arbeit im Stall und auf den Feldern.
Der Vater sprach oft davon,dass er die kleine Bauernwirtschaft abgeben möchte um in ein anderes Bergwerk zu wechseln. Aber dabei blieb es auch und wurde nicht verwirklicht. Ich war damals noch zu klein bzw. zu jung, um das alles verstehen zu können. Die Familie war immer gut versorgt in materieller Hinsicht sowie mit landwirtschaftlichen Produkten. Geld und Essen waren immer vorhanden. Wir waren nicht reich, aber uns ging es gut. Dafür musste ein hoher Preis gezahlt werden. Oftmals hatte ich den Wunsch, dass ich als Kind mehr Zeit für mich selbst hätte oder auch meine Eltern mehr Zeit füreinander für Freundlichkeiten gehabt hätten.
So ging es immer weiter im gleichen Trott: Ich kam mittags aus der Schule, stellte den Ranzen in die Ecke, aß meinen Teller mit Essen leer und schaute auf meine Mutter, die es sich nicht nehmen ließ, alltäglich ab 13.30 Uhr die damals gesendeten Testfilme im Fernsehen bis 15 Uhr sich anzuschauen. Das war das, was sie sich gönnte in ihrer 90-minütigen Mittagspause, neben ihres großen Arbeitspensums auf dem Hof, neben der Versorgung der Tiere und der Arbeit im Haushalt. Beim Fernsehenschauen ruhten ihre Hände nicht, denn es gab immer etwas zu flicken und zu nähen. Ja, wir hatten einen der ersten Fernsehgeräte im Dorf. (Es war ein Schwarz-Weißgerät der Marke „Berolina“ mit einer klitzekleinen Bildröhre. Mein Vater bekam einen Bezugsschein von der Arbeit für gute Arbeitsleistungen, der ihn dazu berechtigte, diesen Fernseher zu kaufen. Auch das Motorrad, eine Jawa 175 ccm bekam er später auf diesem Weg. Gern hätte ich mir ab und an auch mal einen dieser Filme angeschaut, jedoch ihre Worte waren dann: Junge, du muss dem Vater hinterher fahren. Er ist schon auf dem Feld und du musst ihm helfen. Sie nannte das dann spasshaft, ich müsste wieder das "Pumpelchen" für ihn machen - nur da sein für ihn und um ihn herum sein. Dann kam immer meine Frage: Was hat er für Laune? Wenn sie meine Frage nicht beantwortete – die Antwort kannte ich dann bereits und mit Unbehagen fuhr ich zu ihm. So z.B. beim Aufhäufeln der Kartoffelreihen mit dem Pflug. Die Kuh musste ich am Halfter an ihrem Kopf geradeaus in der Furche führen, damit sie nicht auf die Kartoffelpflanzen treten konnte. Tat
sie es jedoch manchmal, erreichte mich, das Halfter am Kopf der Kuh haltend, um sie dadurch bei ihrem Laufen zu führen, eine Schimpftirade aus der Richtung des Pfluges von hinten vom Vater und manchmal auch ein Stein oder ein Erdklumpen in meinen Rücken. Am nächsten Tag wurde ich dann zur gleichen Zeit beim Mähen des Futters von ihm erwartet, damit ich den Wagen belud und das Gespann nach hause fuhr, weil er dann mit meinem Fahrrad schnell heim fahren konnte, um schon immer schlafen zu können für die bevorstehende Schicht. So musste ich dann zuhause den Wagen entladen und die Tiere versorgen. Meine Hausaufgaben konnte ich dann erst spät abends erledigen, weil vorher noch nach meinem Eintreffen mit dem Gespann
die Kühe getränkt und gefüttert werden mussten. Wenn es im Gespräch um die Arbeit ging, dann wurde mein Vater "der Chef"
genannt. Er störte sich nicht daran
Arbeit war immer für mich da. Jedes Jahr zu den entsprechenden Jahreszeiten bzw. Monaten wiederholten sich die gleichen Tätigkeiten. Im Frühjahr begann es mit dem Ausbringen des Stalldungs auf die Felder oder auch das Leeren der Güllegrube auf dem Hof in das Fass auf dem Wagen, womit die Gülle auf die Felder gefahren wurde, danach das Pflügen der gedüngten Äcker, im April mit dem Stecken der Kartoffeln, danach die Aussaat des Getreides, wonach schon wieder die Kartoffeläcker gepflegt werden mussten – 2 x behäufeln und zwischendurch mit der leichten Schleppe über die Kartoffeldämme. Es wurde gesät, gepflegt und gejätet bis zum Juni als die Heuernte begann. Die Aussaat der Futterrüben musste erledigt werden, wonach deren Pflanzenreihen auf dem Feld per Hacke verzogen/ausgedünnt und vom Unkraut befreit werden mussten. Das gleiche auf dem Feld, wo der Lein wuchs, denn unser wohlschmeckendes und sehr gesundes Leinöl stellten wir selbst her. Was ausgesät wurde musste auch gepflegt, geerntet und eingebracht werden: Hafer, Gerste, Weizen, Getreide, Kartoffeln, Lein, Futterrüben, Mais, Zwischenfrüchte für das Tierfutter u.s.w. Das alles passierte ohne Maschinen, nur in Handarbeit. Im Winter dann wurde in der Scheune die Dreschmaschine aufgestellt, um das eingelagerte Getreide zu dreschen, um das Stroh und die Körnerfrüchte zu erhalten. Kühe, Schweine, Schafe, Gänse, Enten und Hühner wollen das ganze Jahr über, so auch auch im Winter mit Futter versorgt werden. Arbeit war immer reichlich vorhanden. Kartoffeln dämpfen, Stroh schneiden, Heu vom Heuboden holen, Schweinefutter einrühren, eingelagerte Kartoffeln abkeimen - das ist nur ein Teil der Arbeiten. Unsere Butter produzierte meine Mutter mit unserem Butterfass selbst. Die dadurch entstandene frische Buttermilch schmeckte mir immer besonders gut, ebenso unser frisches Leinöl. Gern legte ich eine Brotscheibe auf den heißen Küchenherd bis diese braun geröstet war, bestrich diese mit Leinöl und streute Zucker darauf - das zu essen war immer eine Köstlichkeit für mich. Gern stellte ich auch mein eigenes Karamell her: Butter heiß in einem Tiegel auf dem Herd werden lassen, darin eine gewisse Menge an Zucker geben und dann rühren und warten bis die Masse braun wurde. Nach dem Abkühlen und dem darauf folgenden Hartwerden der Masse, war das Karamell verzehrbereit und schmeckte dann so sehr lecker uns Kindern. Stolz war ich darauf, dass ich das als Kind schon selbst herstellen konnte.
Jährlich schlachteten wir zwei Schweine, deren Fleisch wir selbst verbrauchten, denn wir waren eine sechsköpfige Familie. Den dafür benötigten Brühtrog für die Säuberung des toten Schweines hatten mehrere Familien in gemeinsamem Besitz, der nacheinander nach Bedarf und nach Absprache genutzt wurde. Am Abend des Schlachttages war es dann meine Aufgabe, zu unseren Nachbarn und Freunden ins Dorf eine Kostprobe unserer Schlachtprodukten zu bringen: Wurstbrühe in einer emaillierten Kanne, und ein in Papier eingewickeltes Päckchen mit Wellfleisch und Grützwurst. Die fleißigen Fleischer, welche das Schlachten erledigten waren in dieser Zeit in den Jahren nacheinander Herr Krähe aus Poley, Konrad Galizek, Herr Dürrwald und zuletzt Günther Kalz aus Dollenchen. Und immer wieder bewiesen diese Fleischer ihre Handwerkskunst dadurch, indem sie schmackhafte Produkte herstellten und mir heute noch das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt, wenn ich daran denke. Mein Vater und ich halfen den Fleischern immer tatkräftig. Etwa 5 bis 6 Stunden dauerte die Verwertung des Schweines. Als kleiner Junge wurde mir immer die Aufgabe zugewiesen, mit einem stumpfen Küchenmesser schabend den Ringelschwanz des toten Schweines zu säubern, wenn es auf dem Brühtrog lag. Die Männer lachten dann aus Spaß über mich, aber ich sah das immer als eine sehr ernst zu nehmende Aufgabe an. Monatelang aßen wir aus den Einweckgläsern im Wechsel Leberwurst, Blutwurst, Presskopf aber auch die mit Buchenholzspänen selbst geräucherte Darmwurst so auch Schinken und Speck. Wenn dann zwischendurch meine Mutter mal in der Verkaufsstelle der Fleischerei von Fleischermeister Erich Domka und seiner Ehefrau Frieda Domka deren produzierte und angebotene leckere Wurst kaufte, war das immer eine herzlich willkommene und freudig begrüßte Abwechslung für uns alle. In der Schule tauschte ich manchmal meine mit Hausgeschlachtetem belegten Pausenbrote gegen die Wurststullen der anderen Schüler. Ich verstand nie, weshalb sie sich um meine Stullen meist stritten, denn mir widerstrebte der fast ununterbrochene Genuss von Hausgeschlachtetem. Meinen Mitschülern waren meine Stullen immer willkommen.
Immer dann, wenn meinem Vater die Zeit dafür fehlte, das Futter für die Kühe auf dem Feld oder der Wiese zu mähen und per Wagen zu holen, dann musste ich in Aktion treten. Ich bekam die Anweisung, mich sofort mit unseren zwei Kühen an der Leine in Richtung des angewiesenen Ortes zu begeben, um die Kühe dort grasen zu lassen, bis sie sich satt gefressen hatten und sie dabei zu bewachen. Man nannte das im dörflichen Sprachgebrauch „Kühe hüten“. Es dauerte bis zu 3 Stunden, bis die Kühe von selbst aufhörten zu fressen und dann satt waren. Festzustellen war das visuell an den Hüftknochen der Kühe, welche nach gestilltem Hunger unsichtbar waren. Vorher standen diese Knochen gut sichtbar hervor. Das Herum-tricksen meinerseits war somit unmöglich und das vorzeitige erscheinen zuhause hätte Ärger bedeutet. Das Kühehüten war eine äußerst langweilige Angelegenheit, bei der mir die einfältigste Ideen in den Sinn kamen. Das wurde im Laufe der Zeit meiner Mutter bekannt und ich bekam die Begleitung in der Person des 6 Jahre jüngeren Nachbarjungen Wolf-Dieter Kalz von ihr verordnet. Sie fragte ihn selbst und auch seine Mutter Erika, und schon hatte ich einen Hütepartner an meiner Seite. Wir bekamen von meiner Mutter ein großes Fresspaket für uns mit, welches wir gemeinsam genüsslich vertilgten und hatten viel Spaß miteinander in den 3 Stunden die nun flugs vergingen. Meinem Freund Wolf-Dieter und mir hat dann darauffolgend die Zeit gemeinsam mit den Kühen viel Spaß gemacht. Irgendwann meldeten die Kühe sich selbst, wenn sie aufhörten zu fressen und satt waren und nach Hause wollten. Dann kamen sie zu uns getrabt. Sie stellten sich ruhig neben uns oder bliesen uns mit ihrem Atem durch ihre Nasen an, wenn wir im Gras auf dem Rücken lagen und gemeinsam nach Gesichtern oder Figuren in den Wolken suchten. Dann ließen die Kühe sich von uns die Leinen am Halfter anlegen, liefen von allein los und zogen uns hinter sich her in Richtung des Dorfes. Sie wollten nachhause in ihren Stall. Auf dem Hof angekommen liefen sie allein zum Brunnen in den Garten, tranken sich dort mit Wasser satt und liefen danach allein in ihren Stall. Die Kontrolle der Sattigkeit der zwei Tiere erfolgte durch meine Eltern mit konstanter Regelmäßigkeit, die ich mit stetigem Erfolg bestand.
Das Lob meiner Mutter war für uns beide dann gewiss und das erfüllte uns mit Stolz.
Das sind meine Gedanken, wenn ich an Wolf-Dieter Kalz denken muss, der im Jahr 2024 leider verstarb. Bis zu seinem Tod standen wir in regelmäßigem Kontakt zueinander.

Wolf-Dieter Kalz mit seiner Ehefrau Angela bei seiner Feier zum 60. Geburtstag im Jahr 2014 in einer Gaststätte in Welzow. Bei dieser Feier traf ich auch Fritz Brösa und Bernd Haberland letztmalig, bevor sie verstarben. / Foto: A. Mußlick
Die beste Jahreszeit für mich war und ist immer noch der Frühling. Die Natur erwacht, alles grünt und blüht und überall sieht man das frische leuchtende Grün und die Sonne wärmt wohlig die Haut, wenn man im Gras liegt und in den Himmel schaut. Das ist eine Labsal für die Seele und den Geist. So vergisst man schnell die ungemütlichen und grauen Tage des Winters.
Der Höhepunkt dieser Zeit war für mich das Pfingstfest. Am Pfingstsonnabend wurden frische kleine Birkenbäumchen aus unserem eigenen Wald geholt und in mit Wasser gefüllten Gläsern bereit gestellt. Ich fegte die damals noch unbefestigte Straße vor unserem Haus frei von Schmutz mit einem Rutenbesen zur Musik aus dem Radio, welches im geöffneten Fenster unseres Hauses an der Straße stand, um danach mit den Zinken eines eisernen Rechens ein gut sichtbares Muster in den Sand zu kratzen. Beim Hören der neuesten Musik von Radio Luxemburg auf Kurzwelle ging die Arbeit flott von der Hand. Das klingt kompliziert, ist es aber nicht. Das musste am Abend passieren, damit das Muster nicht zerfahren werden konnte. Und wenn
es dann doch mal passierte, wurde am zeitigen Morgen des Pfingstsonntag das Muster ausgebessert. War die Straße dann in gewünschtem verzierten Zustand, fanden die jungen frischen Birkenbäumchen rechts und links der Eingangstür neben dem Hoftor stehend in Wassergläsern ihren vorgesehenen Platz. Diese Ansicht der sauberen und geschmückten Straße und des Hauses wurde dann meist von den Eltern geprüft und mit einem zufriedenem Kopfnicken für gut befunden. Unsere Fläche im Hof war ebenfalls unbefestigt und wurde auch diesem Säuberungsritual unterzogen, bis der Hof blitzsauber war. Auch der Misthaufen musste ordentlich geschichtet sein.

Mit unserem Besuch aus Leuna zu Pfingsten im Spreewald. Auf den ersten vier Bänken: 1. Bank: vorn Schwager Helmut, dahinter meine Schwester Elfriede, 2. Bank: vorn meine Mutter Erna, dahinter meine älteste Schwester Margarete, 3. Bank: vorn Tante Erika, Mitte Cousin Hartmut, dahinter seine Mutter noch eine Tante Erika, 4. Bank: vorn mein Onkel Friedhelm (Bruder meiner Mutter), Mitte Ich, der Achim, dahinter mein Vater Gerhard./ Foto: Mußlick
Die Pfingstfeiertage konnten somit kommen und auch der bereits angekündigte Besuch meiner Schwester Margarete mit ihrem spaßigen Ehemann Helmut aus Leuna, die mit dem Motorrad, einer schwarzen tschechischen Jawa mit 175 ccm, den weiten Weg von etwa 180 km gern regelmäßig zu Pfingsten auf sich nahmen. Meine anderen Schwestern Elfriede, Waltraud und Eveline waren zum Pfingstfest meist auch alle anwesend, um ihre älteste Schwester aus Leuna treffen zu können. Margarete und Helmut blieben dann für ein paar Tage auch nach Pfingsten bei uns. Auf Wunsch unseres Besuches fuhren wir desöfteren in den Spreewald und unternahmen eine Kahnpartie. Weil wir uns nur ein Mal im Jahr sahen, war das immer eine schöne Zeit, zumal ich ihnen gern beim Sprechen zuhörte - sie sprachen den sächsisch-anhaltinischen Dialekt. Meine Mutter, die auch aus dieser Gegend bei Leuna stammte, hatte im Laufe der Jahre seit 1934 in Dollenchen diesen für uns im Dorf ungewöhnlichen Dialekt etwas verloren. Aber nur etwas, man hörte ihn immer noch etwas bis an ihr Lebensende......
Meine Mutter wurde 1912 im damals noch deutschen Niederhof (jetzt Niderhoff) in Lothringen (Frankreich) geboren. Ihr Vater, somit mein Opa, war beim Zoll in China, dort in einer deutschen Kolonie. Ihn lernte ich nie kennen, wie auch meine anderen Großeltern nicht. Das bedauerte ich immer sehr. Nach 1918 wurde Lothringen französisch und die gesamte Familie meiner Mutter musste aussiedeln aus Niederhof nach Deutschland in ein Dorf zwischen Bad Dürrenberg und Merseburg, weil es dort Verwandtschaft gab. Hier wuchs meine Mutter auf und wurde als junge Frau verpflichtet zum Reichsarbeitsdienst nach Berlin und arbeitete bei einer reichen Familie als Hausmädchen und besuchte in Berlin auch währenddessen eine Haushaltsschule. Dort lernte sie ebenfalls das perfekte Kochen. Ihr handgeschriebenes dickes Kochbuch mit sehr vielen alten Rezepten aus dieser Zeit begleitete sie bis an ihr Lebensenede und bildete oft die Grundlage für Köstlichkeiten, welche sie später für die Familie immer gern zubereitete. Nach dieser Zeit, aber immer noch während des Arbeitsdienstes, wurde sie nach Dollenchen als Dienstmagd auf den Bauernhof des Ortsgruppenführers der NSDAP dienstverpflichtet. Mein Vater wohnte im Dorf, sie lernten sich kennen und beide wurden ein Paar und es wurde geheiratet. 1945 wurde dieser Ortsgruppenführer von der Sowjetarmee verhaftet und nach Mühlberg in das dortige Internierungslager verbracht, von wo er nicht mehr zurückkehrte. Die Enteignung des Hofes wurde durchgeführt und die Familie musste den Hof verlassen. Diesen Bauernhof übernahm kurze Zeit später eine Flüchtlingsfamilie aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die den Hof noch lange bewirtschaftete.
In Dollenchen waren wir fast alle Mitglieder im DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund der DDR) und in den vorhandenen Sportgruppen begeistert dabei beim Geräteturnen, der Gymnastik, im Bodenturnen und im Spielmannszug. Meine sportlich sehr begabte Schwester Eveline z.B. fuhr oft zu Ausscheiden in den Disziplinen Schwebebalken, Bodenturnen und Gymnastik, woher sie nach der Teilnahme von dort meist erfolgreich wieder zurück kam . Der Höhepunkt in dieser Zeit war in Leipzig beim Deutschen Turn- und Sportfest, wo die SG Dollenchen, deren sehr engagierter Vorsitzender damals Werner Wunderlich war, ebenfalls mit der Gymnastikgruppe der Mädchen vertreten war. Ein unvergessliches und schönes Bild war es, die Massengymnastik im damaligen Leipziger Zentralstadion anzuschauen, wo unsere Mädels zum Erfolg beitrugen. In den Kinos im Vorspann der Filme lief immer „Der Augenzeuge“. Das waren die Nachrichten der Woche per Bild und Ton, denn Fernsehen war damals noch nicht sehr verbreitet. Hier war dieses Sportereignis zu sehen, und die Gymnastikdarbietung bot ein besonderes schönes Bild mit der dargebotenen Gleichmäßigkeit und Eleganz der vielen Frauen und Mädchen in ihren rhythmischen Bewegungen mit bunten Bändern und Holzkeulen in ihren Händen.
Als ich 1967 zeitweilig bei der NVA in Eilenburg stationiert war, sah ich im Kino im „Augenzeugen“ den ehemaligen Dollenchener Helmut Michling, der damals in den 60-er Jahren für einen Sportclub in Annahütte sehr erfolgreich Querfeldeinrennen mit dem Fahrrad fuhr. Ich sah ihn im Kino in Aktion während des Rennens in Großaufnahme mit seinem Fahrrad auf dem Rücken in hoher Geschwindigkeit einen Berghang hoch rennen. Mich hätte es fast vor Freude vom Kinositz gerafft, unseren Helmut zu sehen. Leider weiß ich heute nicht mehr, zu welchem Anlass es war und welchen Preis er gewann.
Die Spielleute des Spielmannszuges der SG Dollenchen arbeiteten ständig mit Begeisterung und großem Fleiß daran, ihre Auftrittsfähigkeiten weiter zu verbessern und probten deshalb jeden Sonntagvormittag und übten des öfteren neue Marschkompositionen ein, unter anderem auch für die dann erfolgreichen Auftritte bei stattfindenden Ausscheiden zum Beispiel zu Vergleichen unter den Spielmannszügen in Großröhrsdorf, bei Auftakten zu Sportfesten in der Umgebung und auch bei anderen vielen Gelegenheiten. Immer war es ein musikalischer Genuss, unserem Spielmannszug mit seiner Lyra, geklopft und bespielt von Werner Brähmig, der immer stolz an der Spitze des Zuges vor den Spielleuten mit den Querflöten, Trommeln, Pauke und Becken voran marschierte. Das geschah immer dann, wenn ein neues Marschlied eingeübt war und perfekt gespielt werden konnte. Dann wurde durch das Dorf marschiert und den Bewohnern das neue Musikstück vorgeführt. Es war immer ein besonderes Lob, wenn sie unseren Spielleuten zuwinkten und durch ihr zahlreiches Erscheinen vor ihren Grundstücken auf der Straße standen. Ein besonderes Klangerlebnis konnte man hören, wenn der Spielmannszug von seiner Runde durch das Dorf zurückkehrte und auf den Dollenchener Dorfplatz aufmarschierte, weil dann die Bebauung um den Platzes herum ein wunderbares Echo wiedergab, was dann ein ganz besonderes Klangerlebnis war.
Die Wintermonate verbrachten wir Kinder mit Schlittschuhlaufen auf dem Dorfteich (heute zugeschüttet), vom Eckholz hinter Landte und Mußlick auf dem Graben bis zu Palahowskis Teich oder auf dem Mühlgraben von der Dorfmitte in den Laugk. Von dort über die Kanäle in den Lugkanal, wo wir an der Brücke an der Straße zwischen Wormlage und Lug ankamen und nach einer Ruhepause wieder von dort auf den Schlittschuhen per Gräben die gleiche Strecke zurück nach Dollenchen liefen. Dann waren wir den ganzen Tag unterwegs mit Verpflegung in unseren Taschen und selbstverständlich, wie von den Eltern erwartet wurde, auch per Genehmigung abgemeldet. Bei Durst labten wir uns mittels klarem und sauberem Wasser aus den Gräben. Meine Mutter warnte erwartungsgemäß immer mit den Worten: „Junge, wenn du ins Eis einbrichst, dann komm sofort nach Hause.
Ich schimpfe dann auch nicht.“ Und als das dann auch passierte, wenn auch nicht oft, dann befolgte ich ihren Rat. Wenn ich dann wirklich mal mit nassen Füssen und bereits steif gefrorener Hose nachhause kam, dann musste ich mich sofort umziehen und meine frostig kalten Füße auf einem Küchenstuhl sitzend in die immer warme Bratröhre unseres Küchenherdes stecken. Meine Mutter reichte mir dann eine Tasse mit heißem Malzkaffee, der meist in einer emaillierten Kaffeekanne aus Blech vorrätig bereits auf dem Küchenherd stand und auf mich wartete und mich dann Schluck für Schluck getrunken von innen wärmte. Die Welt war somit wieder in Ordnung für meine Mutter und für mich. Leider erwartete einige meiner Freunde ein Donnerwetter von den Eltern zuhause, nach dem ihnen das gleiche Missgeschick passierte.
Nach derartigen und langen Schlittschuhtouren am Ziel in Dollenchen wieder angekommen, spürte wir alle unsere Füße vor derartiger großer Müdigkeit und Schlappheit nicht mehr und es fiel uns sehr schwer, am Ende der Tour noch unsere Beine zu bewegen. Sehr beliebt war das Schlittschuhlaufen bei uns Kindern auf dem Dorfteich, den es heute nicht mehr gibt. Bis es dunkel wurde blieben wir immer dort. Die Jungen spielten meist Eishockey und die Mädchen zeigten ihre Künste auf Schlittschuhen auf dem entfernteren Teil des Teiches. Wir alle waren wahre Künstler auf den Kufen und beherrschten die Vorwärts- und auch die Rückwärtsfahrt und den Lauf im Kreis perfekt. Selten fiel jemand auf seine Nase. Die Rodelmöglichkeiten in Dollenchen waren damals an der Mauer des Kirchhofes sowie von der Dorfstraße abwärts in den zugefrorenen Mühlgraben. Dieser Teil ist jetzt
zugeschüttet und verfüllt. Dort gab es zwei Bahnen - die erste Bahn für mutige Kinder und die zweite Bahn gleich rechts nah daneben nannten wir die „Todesbahn“, die zu benutzen sich nur besonders mutige Kinder getrauten, wobei so manch ein Schlitten zerbrach. Meiner blieb Gott sei Dank immer heil. Beulen und und Wunden gab es ab und an auch, was wir als Normalität abtaten, weil wir keine „Memmen“ sein wollten. Manchmal nutzen wir auch die Möglichkeiten zum Rodeln auf dem Abhang links des Weges nach Göllnitz, der hinter dem Friedhof beginnt , aber auch den Hang in den „Lieskauer Alpen“ rodelten wir hinunter, nachdem wir mit dem Fahrrad fahrend mit angebundenem und hinterher gezogenem Schlitten diese Örtlichkeit erreicht hatten. Genau dort kann jetzt alljährlich der weithin bekannte „Almabtrieb“ erlebt werden.
Zum Schwimmen und Baden im Sommer fuhr meine Mutter mit mir als Kind auf dem Gepäckträger hinten drauf sitzend und mit Angehörigen der damaligen Nachbarsfamilie Hackert gemeinsam zum Achterteich, gelegen zwischen Henriette und Annahütte. Damals war der Teich noch von Bewuchs frei und man konnte darin gut schwimmen. Heute ist das nicht mehr möglich.
In Annahütte erwartete auch die öffentliche Badeanstalt die Badefreudigen mit sehr chlorhaltigem Wasser. Das mochten wir nicht wegen des Geruchs und der danach trockenen Haut. Die Benutzung des Sallgaster Grubenteiches als Bademöglichkeit wurde erst wenige Jahre später aktuell, aber sehr beliebt und gern genutzt.
Weil ich das jüngste von vier Kindern in unserer Familie war, bekam ich zum Beispiel das abgelegte Fahrrad, die bereits benutzten Schlittschuhe oder Ski von meiner vier Jahre älteren Schwester übergeben. Ich war froh das dann zu besitzen, denn zu der damaligen Zeit war das nicht selbstverständlich. Mein erstes eigenes neues Fahrrad bekam ich mit 11 Jahren zu Weihnachten 1959, mit dem ich dann stolz nach Sallgast täglich bei Wind und Wetter zur Schule fahren durfte. Der Schulbus fuhr damals noch nicht für die Schülerbeförderung und somit war jeder selbst für den Hin- und Rückweg bei jedem Wetter allein
verantwortlich. Jedoch kurze Zeit später nutzten wir dann den Schulbus zumindest bei schlechtem Wetter, einen kleinen blauen Bus vom Typ "Garant", dessen Fahrer ständig Zigarren rauchte. Es war dann immer mit einer Wartezeit verbunden, bis der Bus uns abholte. Das Fahrrad war bei schönem Wetter die bessere Variante schneller heim zu kommen und die zwei Kilometer waren leicht zu bewältigen. Somit waren wir auch beizeiten gezwungen, die Reparatur unserer Fahrräder selbst zu erledigen, damit sie schnell wieder zur Verfügung standen, nachdem meist die Luft aus den Schläuchen war oder die Kette riss. Zuerst half mein Vater dabei oder auch die älteren Freunde bis ich das dann selbst konnte. Für einen Jungen auf dem Dorf gehörte das Fahrrad reparieren zu den lebensnotwendigen Grundfertigkeiten, die man unbedingt beherrschen musste.
Defekte Fahrradschläuche wurden geflickt mittels der aufgeklebten Flicken, die man durch die ausgeschnittenen kleinen Flecken aus alten Fahrradschläuchen erhielt. Diese wurden aufgeraut und mit spezieller Klebelösung bestrichen. Auf dem defekten Fahrradschlauch um das Loch wurde ebenso behandelt. Danach musste der Kleber auf dem Gummi ein paar wenige Minuten antrocknen. Dann wurden die so behandelten Stellen aufeinander gelegt und leicht zusammengepresst. Wenn man diese Arbeit
beherrschte, dann ersparte man sich den Kauf eines neuen Fahrradschlauches und somit Geld und Zeit. War ein Fahrradreifen defekt, so wurde aus einem alten Reifen ein passendes Stück heraus geschnitten und unter die betreffende Stelle des defekten Reifens gelegt und schon war das Fahrrad wieder fahrbereit, nachdem das Rad montiert und der Reifen Luft eingepumpt bekam. Wie stolz war ich, als ich meinem Vater mit meiner Reparatur seines eigenen Fahrrades beweisen konnte, dass ich das nun auch allein beherrschte.
Wer repariert heutzutage immer noch auf diese Art sein Fahrrad?
Unser ehemaliger Nachbar Rudolf Landte, der Bruder von Kurt Landte, hatte damals die familieneigene Fahrradwerkstatt vom Vater Paul Landte übernommen, in der er Fahrräder und auch andere Dinge reparierte und bei dem ebenfalls Fahrradersatzteile käuflich zu erwerben waren. Das änderte sich dann leider, als er heiratete und nach Pößnek in Thüringen verzog......Für uns bedauerlich wurde die Werkstatt danach geschlossen.
Telefone gab es damals zu dieser Zeit nur drei im ganzen Dorf: Bei Fischer, Hans (das Haus neben der ehemaligen Fleischerei Domka), im Gemeindebüro (welches öfter mal seine Standorte wechselte – ich erinnere mich noch an vier) sowie im Postamt in der Wormlager Straße, bei Frau Frieda Guttke. Hier war die "Öffentliche Sprechstelle", wo die Bürger gegen Bezahlung telefonieren konnten . Frau Guttke war die Oma von Sylvia Paulisch, uns bekannt durch das Parkhotel in Sallgast. Sylvia verlebte meist ihre Sommerferien bei ihrer Oma und kam aus Finsterwalde nach Dollencheen. Das gelbe Postauto vom Typ "Granit" war damals ein besonderes Auto und ist mit denen von heute nicht mehr vergleichbar, denn es diente neben der Postbeförderung auch der Beförderung von Personen. Hinter dem Fahrer war eine weitere Sitzreihe vorhanden, auf der dafür zahlende Fahrgäste, insofern noch Platz war, auf der vorgeschriebenen Fahrtroute des Postautos mitfahren konnten. Damals nutzte es meine Mutter ab und an, um von Dollenchen zum Bahnhof Sallgast zu fahren, um von dort wiederum mit dem Personenzug nach Finsterwalde zum Einkauf zu fahren. Zur Erinnerung: Zwischen Senftenberg und Finsterwalde existierte bis 1966 eine Eisenbahnverbindung.

Ohne Gummistiefel trockenen Fußes in das Gasthaus? Damals war das ein abenteuerliches Vorhaben. Hier trafen sich die Bauern oft abends auf ein schnelles Bier, bevor oder nachdem sie nach getaner Arbeit, zu dieser Zeit noch als Einzelbauern, auf ihren Feldern oder in den Ställen ihre Milchkannen von der Milchrampe holten. / Foto: Quelle Postkarte
Nachdem das Milchfahrzeug der Molkerei in Massen die Milchkannen mit der Frischmilch von den Kühen der Landwirte frühmorgens von den beiden Dorf-Milchrampen abgeholt und allabendlich zurück brachte und diese darauf dann abgestellt waren, kamen die Bäuerinnen und Bauern, um ihre Gefäße abzuholen, welche dann mit Magermilch befüllt waren, die dem Schweinefutter beigemischt wurde. Die dort neben der Rampe angebrachten Informationen aller Art auf Plakaten und Zetteln machten diesen Ort allabendlich zu einem beliebten Treffpunkt für den Austausch der neuesten Nachrichten untereinander. Auch für die Jugendlichen waren dort die für sie wichtigen Informationen zu lesen: Wo bzw. in welcher Gaststätte in den umliegenden Dörfern am jeweiligen Wochenende eine Tanzveranstaltung stattfindet, die möglichst mit dem Fahrrad erreichbar sein wird. Auch im Anzeigenteil der Zeitung "Die Lausitzer Rundschau", damals noch als Presseorgan der Bezirksleitung der SED Cottbus, machten die Veranstalter freitags Werbung für ihre Tanzböden. An jedem Wochenende war in der Umgebung immer irgendwo Tanz. Dann sprach man sich untereinander ab, wohin die gemeinsame Fahrt gehen soll, denn meist wurde in Gruppen gefahren.
Zur Erinnerung: Damals interessierte sich noch niemand dafür, wie hoch der Alkoholpegel im Blut sein durfte, wenn man vom Tanz heim fuhr mit dem Fahrrad. Selbst wollte man jedoch gesund und heil nach Hause kommen, ohne unterwegs ungewollte Bodenproben genommen zu haben. Licht am Fahrrad konnte sein, aber musste nicht. Zumindest war es auf den Dörfern so.
Unser damals zuständiger Polizist, der ABV-Abschnittsbevollmächtigter der Deutschen Volkspolizei, Herr Wickedal aus Poley, war ein sehr verträglicher und den Menschen zugetaner Zeitgenosse, den alle sehr wegen seiner freundlichen und ruhigen Art mochten, obwohl er Polizist war. Polizeihelfer war damals Hans Fischer. Hans reparierte damals auch die defekten Rundfunkempfänger des Dorfes kostengünstig und sehr schnell. Benötigte Ersatzteile, wie Röhren, Widerstände etc. brachte er selbst aus Finsterwalde mit, denn er arbeitete dort bei der HO (Handelsorganisation).
// Nebenbei bemerkt: Radios mit Transistoren bestückt waren zu dieser Zeit noch sehr wenig im Gebrauch. Sogenannte "Kofferradios" gab es ab etwa 1963 zu kaufen, gerade pünktlich für uns in der ersten Zeit der "Beatles" und Rolling Stones", um deren neueste Hits zu hören - und das gemeinsam unter uns Jugendlichen auf einer von uns selbst errichteten Bank an der Kirchenmauer direkt neben einem Lindenbaum gegenüber der mit einem eisernen Zaun umgebenen Friedenseiche. Bernd Haberland besaß zu dieser Zeit das erste Transistorradio aus dem Westen, sogar mit UKW. Bernd kam mit seiner "Heule" zur Bank und wir Jugendlichen hörten gemeinsam sehr begeistert diesen Sound der damals gerade zu dieser Zeit beginnenden Aera der "The Beatles" und "The Rolling Stones" und der anderen zahlreichen Bands die ihnen kurz darauf nachfolgten. Meist hörten wir begeistert die Musik auf den Sendern Radio Luxemburg und RIAS Berlin, die zur damaligen Zeit nicht in allen Schichten der damaligen Gesellschaft sein Verständnis fanden - die Sender nicht und die neue Musikart sowieso nicht. //

Das Foto entstand im Jahr 1964 in Leipzig vor dem Hauptbahnhof anläßlich meines Besuchs bei meiner erkrankten Mutter, die eine lange Zeit in einer Klinik in Leipzig zubringen musste. Ich besuchte sie oft an Wochenenden in Leipzig. Während dieser Zeit erlebten mein Vater und ich zuhause eine "Männerwirtschaft". Dankenswerterweise kam meine Schwester Waltraud immer wieder aus Eichholz zu uns , um "klar Schiff" zu machen, da die Hausfrau fehlte. Meine Anzugsordnung (auf dem Foto) war damals zeitgemäß. Der schmale schwarze Lederschlips war sehr in Mode. So gekleidet waren wir Jugendlichen auch zum Tanz und ebenfalls an Sonn- und Feiertagen unterwegs. Vorbilder waren die Rockgruppen der damaligen Zeit, die sich so kleideten. Nur meine Haare wuchsen wild in die Richtung, in die sie selbst wollten aber nicht sollten - nach oben und nach den Seiten anstatt lang nach unten, wie es eigentlich modern war zu dieser Zeit. Das ärgerte mich sehr. / Foto: Eigentum A. Mußlick
Hier sind die Worte von Walter Ulbricht, dem damaligen Chef der Regierung der DDR zu dieser neuen und modernen Musikrichtung zu hören:
Unsere gemeinsamen Treffen an der Kirchhofsmauer fanden fast allabendlich statt, nach getaner Arbeit zuhause. Ich erinnere mich, dass wir als Schüler in der Sallgaster Schule auf einer vorgedruckten Liste unterschreiben mussten, worauf stand, dass wir uns dazu verpflichten, keine Westsender zu hören. Die Unterschrift war das Eine, jedoch die neue Art der Musik des Rock und Pop zu hören aber war das Andere. Wir taten das Andere. In den Sommerferien 1964 arbeitete ich als Beifahrer auf einem LKW Typ "H3A" für 4 Wochen in der Großhandelsgesellschaft für Haushaltswaren (GHG) in Finsterwalde. Der LKW-Fahrer und ich als dessen Beifahrer lieferten die jeweils bestellten und bereits in Kisten verpackten kleinteiligen Waren an die Geschäfte aus. Auch Öfen und Küchenherde, welche sehr schwer waren, mussten im Lager der GHG in Finsterwalde per Hand aufgeladen und vor dem jeweiligen Geschäft auf dem Bürgersteig per Hand wieder abgeladen und in die Geschäfte hinein getragen werden. Bei unserer Abfahrt vom Hof der GHG war der LKW bis obenhin voll und platzsparend durch uns beladen worden. Gut war es, dass man nach dem Abladen bei den Verkaufsstellen für Haushaltswaren in den Städten immer wieder während der Fahrt zum nächsten Geschäft etwas Zeit hatte, um sich von dieser nicht gerade leichten Arbeit auszuruhen. Mir war es das wert. Werner Wunderlich, unserer ehemaliger Dollenchener Vorsitzender der Sportgemeinschaft, arbeitete auch dort als Abteilungsleiter, meine Schwester Eveline ebenfalls dort als Sachbearbeiterin. Ich verdiente dort das Geld für mein erstes "Kofferradio" ein "T 100" - für 280 Mark der DDR. Nun war ich glücklich. / Bild unten.

Dieses Transistorradio genau so, wie auf dem Foto abgebildet, in blau mit gleicher Tasche, kaufte ich mir im Jahr 1964 für 280 Mark der DDR von dem während meiner Sommerferien erarbeiteten Geld. /Foto: Radiomuseum
Dieses kleine Radio, wegen dem ich oft mit Neid bedacht wurde, war damals mein ganzer großer Stolz und es begleitete mich fast den ganzen Tag, aber besonders an den Abenden. Leider hatte es keinen UKW-Empfang, sondern nur Lang-, Mittel-, und Kurzwelle. Unser Lieblingssender war Radio Luxemburg, der tagsüber über Kurzwelle empfangbar war und dessen Empfang deshalb mit Piep- und Pfeiftönen wegen der atmosphärischen Störungen, unterlegt war, was bei Kurzwellenempfang normal war, aber mich wenig störte. Abends konnte man auf Mittelwelle Radio Luxemburg fast störungsfrei hören. Dort kam immer die Musik, die wir gern hören wollten. Die Hitparade von Radio Luxemburg mit Camillo Felgen als Ansager war eine Pflichtveranstaltung für uns damals.
Der Sender "Freies Berlin" (SFB) war auf Mittelwelle zu empfangen, ist jedoch durch die staatlichen Organe der DDR mittels Störsender, die auf den Volkspolizeikreisämtern der DDR installiert waren, erfolgreich unterbunden worden. "RIAS Berlin" konnte jedoch auf UKW in unserer Gegend sehr gut empfangen werden, denn die "Die Schlager der Woche" mit unterschiedlichen Moderatoren war auch eine unserer Musiksendungen, die wir auch keinesfalls verpassen durften.
--//-- Das war nun weit ausgeholt und abgeschweift. Vielleicht sollte ich den Text neu ordnen um ihn für den Leser in seiner Folge verständlicher zu machen. Aber nun erstmal wieder zurück zum ABV Polizisten und Hans Fischer: - Hans Fischer war ebenfalls ein zugänglicher Bürger, stammte aus Sayda im Erzgebirge, was ihn in Dollenchen, neben Karl Krafczyk, ebenfalls zum mundart-sprachlichen Exoten machte. Elsa und Hans Fischer hatten zwei Töchter, Monika und Alice und den Sohn Udo. Udo gehörte auch oft zu meinen Spielgefährten und auch ihn habe ich gern in meinen Erinnerungen. Als dann der Polizist Matteck aus Poley sein ABV-Amt als Nachfolger von Herrn Wickedal antrat, pfiff der Wind dann aus einer anderen Richtung und alle machten vorsichtshalber einen großen Bogen um ihn, wenn man ihn erblickte. In dem Haus, in dem Familie Fischer wohnte, lebte ebenfalls für eine gewisse Zeit in seiner Kindheit Dietrich Tosch, der bekannte Maler, mit seinen Eltern. Vater Tosch war der Bruder von Frau Liselotte Spieß, geb. Tosch, der Gattin von Paul Spieß auf deren Bauernhof hinter der Sägemühle. Deren Tochter Annedore wiederum war die Freundin meiner Schwester Eveline. Annedore heiratete den Lehrer Klaus Heinrich. Diese Namen gibt es in Dollenchen nicht mehr.
Ich wurde leider gesehen, als ich ohne den Berechtigungsschein dafür zu besitzen, mit einem Moped SR2E "schwarz" in unserer Schulstraße fuhr. Wer mich sah und es dann dem Polizisten Mattek meldete vermutete ich zwar, aber das wurde mir nie bekannt. Einige Wochen später bei der Anmeldung zur Erlangung des Berechtigungsscheines für Mopeds wurde ich vom Polizist Mattek darauf angesprochen, ermahnt und ich konnte wieder unangemeldet zur Prüfung und ohne Mopedschein den Heimweg antreten. Strafe muss sein. Meine Fahrerlaubnis für Motorräder, selbstfahrende landwirtschaftliche Großgeräte und Traktoren (damals 1 und 3) legte ich dann erfolgreich einige Monate später kostenlos gleich zum Beginn meiner Lehre in meinem Lehrbetrieb dem Kreisbetrieb für Landtechnik in Sonnewalde ab. Während meiner Armeezeit erlangte ich dann noch zusätzlich den Führerschein für LKW ebenfalls kostenlos bei der NVA (damals Stufe 5).

Der Dorfplatz in Dollenchen, so wie wir ihn heute kennen, mit der Gaststätte Stuckatz, die sich seit 1912 im Familienbesitz befindet und somit seit sehr vielen Jahren von den Generationen erfolgreich bewirtschaftet wird. / Foto: Quelle GoogleEarth

Historische Ansicht: Das Gebäude worin sich das Sägegatter und die Getreidemühle von Fritz Kirschke bzw. seinem Schwiegersohn mit dem Familiennamen Jonas befanden. Die Tochter der Familie Jonas hatte den Vornamen Petra. Familie Jonas siedelte nach Westdeutschland über./ Foto: Postkarte
Meine Aufgabe als kräftiger Junge auf einem Kleinbauernhof war es u.a., stets den mit Getreide gefüllten schweren Sack zur Mühle zu bringen, ihn auch wieder von dort abzuholen und somit das Schrot für unsere Tiere zurück nach Hause zu transportieren. Fasziniert beobachtete ich immer den Aufzug in der Mühle, in dem Martin Laube, der dort beschäftigt war, wie von unsichtbarer Hand gelenkt, zwischen den Stockwerken auf und ab fuhr, nach dem er an einem Seil gezogen hatte. Das zu sehen war für mich zu jener Zeit etwas Außergewöhnliches! Er, der Vater von Sigrid und Karin, verstand es auch meisterhaft, unsere Schlittschuhe kostenlos mit einem optimalen Hohlschliff zu versehen, so dass wir im Winter auf dem Dorfteich und dem Luschk gut Eishockey spielen konnten.

So sieht es heute an gleicher Stelle aus (wie oben). Aus der Mühle wurde ein schickes Museum und die Feuerwehr bekam ein neues und großes Gebäude (rechts im Bild) zusätzlich zum kleinen Gerätehaus am Dorfplatz. / Foto: Quelle Google Earth)
An der Stelle des heutigen Gerätehauses lagen zu meiner Kinderzeit auf dem freien Platz viele gestapelte Rundholzstämme, die darauf warteten in der Sägemühle zu Kanthölzern, Brettern und Bohlen geschnitten zu werden. Auf diese Stämme kletterten wir gern herum. Das dahinterliegende Grundstück mit Gaststätte und Saal gehörte der Familie Tischer. Ernst Tischer (Senior) und seine Frau Maria besaßen die Landwirtschaft, in der Ernst Tischer (Junior) tatkräftig mithalf. Die Gaststätte Tischer wurde durch den Sohn des Ernst Tischer (Senior), Gerhard Tischer mit seiner Ehefrau Wanda, betrieben. Deren Kinder heißen Margitta und Gerd. In dem Haus der Tischers wohnte zusätzlich noch die Familie Stremlau mit ihrem Sohn Franz Stremlau. Familie Stremlau verzog später nach Finsterwalde. Im Vereinsraum der Gaststätte Tischer befand sich das erste Fersehgerät in Dollenchen, das von der Gemeinde seinen Bürgern kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Abends war dieser Raum immer voll besetzt und es war so sehr verqualmt darin, dass man Mühe hatte, den kleinen Schwarz-Weiß-Bildschirm zu erkennen. An den Nachmittagen unter der Woche wurde kein Programm gesendet, außer den Testfilmen von 13.30 bis 15.00 Uhr. Der Sonntagnachmittag war den Kindern vorbehalten. Meister Briefmarke, Meister Nadelöhr, Schnatterinchen und Pittiplatsch war für uns zu sehen auch neben Kinderfilmen. Immer donnerstags kam der Filmvorführer mit dem Vornamen Heinz mit seiner Gerätschaft und baute diese hinter der Theke der Gaststätte auf und bestralte mit den laut im Saal hörbar ratternden Filmprojektoren die Kinoleinwand im Saal durch das Ausschankfenster heraus. Die immer sehr gut besuchten Filmvorführungen für Kinder begannen um 16 Uhr und für Erwachsene um 19.30 Uhr. Ab und an riss der Film während der Vorführung und es gab eine Zwangspause, in der der Filmvorführer Heinz den Film wieder zusammenkleben musste, bevor es dann weiterging. Als die Gaststätte einige Jahre später geschlossen wurde, nutzte der Sportverein "SG Dollenchen" den Gastraum und den Saal. Nach und nach wurden viele Sportgeräte angeschafft und von den jungen Leute sehr gern genutzt. Im ehemaligen Gastraum gab es auch eine neue Tischtennisplatte, die sehr viel genutzt wurde und die Jugend perfektionierte sich im Tischtennis. Ich selbst errang später bei den Schulmeisterschaften von drei Schulen den 3. Platz und später im Lehrlingswohnheim in Schacksdorf den 1. Platz. Bei den Kreismeisterschaften der Schulen des damaligen Kreises Finsterwalde waren andere Tischtennisspieler viel besser und ich musste mich mit einem der mittleren Plätze begnügen.

Das Dollenchener Buswartehäuschen entstand im Jahr 1960 durch die damals freiwillige und unbezahlte Arbeit in der Initiative der DDR "Nationales Aufbauwerk" (NAW) an einem Wochenende. Der damalige in Dollenchen wohnende Maurergeselle Wolfgang Hoffmann (geb. 1944) mit seinen Gehilfen Roland Weiershäuser (geb. 1947) und Achim Mußlick (geb. 1948) - beide ebenfalls ehemalige Dollenchener - schufen dieses kleine Bauwerk, und wir alle erhielten dafür den Anstecker "Aufbaunadel" (Foto unten), die es üblicherweise für im NAW geleistete freiwillige und unbezahlte Arbeit gab. Roland und ich waren wohl zu dieser Zeit die jüngsten Dorfbewohner, die diese Nadel verliehen bekamen. Ich kann nicht behaupten, dass wir damals nicht stolz waren. Es freut mich sehr, dass dieses kleine Gebäude nun eine besondere Aufwertung erhielt und jetzt als sehr nützliche Büchertausch- und Lesehalle den Dollenchenern als Treffpunkt erhalten bleibt. Möge man sich an uns wohlwollend erinnern. Roland Weiershäuser (er wohnt jetzt in Thüringen und wir pflegen einen Regen Kontakt miteinander) habe ich informiert darüber - diese Freude war auch auf Rolands Seite. Wolfgang Hoffmann ist leider bereits verstorben. Er wohnte zuletzt in Münchhausen und hatte eine Firma zur Schädlingsbekämpfung dort. Ein aktuelles Foto von der neuen Halle besitze ich z. Zt. leider noch nicht. Wird nachgereicht. / Foto: Google Earth

Diese Anstecknadel erhielten für ihre freiwillige und unbezahlte Arbeit im NAW Nationales Aufbauwerk der DDR für die Errichtung des Buswartehäuschens in Dollenchen im Jahr 1960: Wolfgang Hoffmann, Roland Weiershäuser und Achim Mußlick.
Ich hätte noch Weiteres zu erzählen von den Erlebnissen aus meiner Kindheit und Jugendzeit mit meinen Freunden und auch von der bewegten Zeit der Gründung der LPG, der Maul- und Klauenseuche in den Rinderbeständen, die das Dorf erlitt und seine Bewohner einsperrte und auch von den Geschehnissen, die meine Eltern vor, während und kurz nach dem schrecklichen Krieg erlebten und auch darüber, was meine Mutter erlebte, als die Sowjetarmee in Dollenchen einmarschierte. Mein Vater kam erst 1946 zurück nachhause.
Mit einigen meiner damaligen Freunde aus Dollenchen stehe ich bis heute noch in ständigem persönlichen und telefonischen Kontakt, aber auch per Email. Bei Gesprächen mit ihnen wird dann bereits Vergessenes wieder wach und ich bemerke wiederholt, dass das Alter eben doch seinen Tribut zollt und dann wieder einige Erinnerungen gemeinsam wachgerüttelt werden.
Immer wieder wird dann gemeinsam festgestellt, dass unsere Zeit in Dollenchen
eine der schönsten in unserem Leben war, auch deshalb, weil wir jung waren!
-Achim Mußlick-

Dollenchen ist immer einen Besuch wert!
Der Landschleicher des RBB war hier am 19.06.2005:
